Winnetka Plan

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Washburne gründete keine eigene Schule, wie die anderen dargestellten Pädagogen, sondern setzte seine Ideen in einem öffentlichen Schulsystem um.

In Winnetka, einem noblen Vorort von Chicago/Illinois, forderte eine Gruppe von Eltern, dass mehr auf die Bedürfnisse ihrer Kinder eingegangen wird. Die Gruppe traf sich, um die Gründung einer privaten Schule zu erwägen, entschied sich aber dann, die bestehenden Schulen Winnetkas zu verbessern. Daraufhin wurde ein Superintendant (Aufsichtsbeamter) gesucht, der diese Aufgabe übernahm. Im Jahr 1919 trat Carleton Washburne dieses Amt an und führte es bis 1943 aus. Während dieser Zeit entwickelte er den sogenannten Winnetka-Plan. (Washburne selbst richtete sich jedoch immer gegen den Ausdruck Winnetka-Plan. Er betonte, dass es einen solchen nicht gäbe. Vielmehr befänden sich der Lehrplan und die Erziehungsmethoden in einer ständigen (Weiter-) Entwicklung.)

Eigentlich wäre es einfacher gewesen, eine private Schule zu gründen, als ein öffentliches Schulsystem zu ändern. Dennoch übernahm Washburne diese Aufgabe und setzte somit die Schulen von Winnetka ganz oben auf die Liste der öffentlichen progressiven Schulen. (Vgl. [16] S. 37)

Im Winnetka-Plan gab es individuelles Lernmaterial für die Schüler in den Bereichen Rechtschreibung, Sprache, Lesen und Mathematik, den sogenannten "common essentials". (Vgl. [16] S. 44f) Alle Kinder sollten am Ende des Lernprozesses alle festgelegten "common essentials" 100%ig beherrschen. Das Tempo, in dem die Schüler dieses Ziel erreichten, konnte dabei sehr variieren. Dies führte auch dazu, dass die Schüler üblicherweise alters- oder jahrgangsgemischt arbeiteten. Das heißt, dass im gleichen Klassenraum ein Schüler an einer 2nd grade Rechenaufgabe arbeitete, ein anderer bereits an der 5th grade Rechenaufgabe. Außerdem beschäftigte sich vielleicht ein anderer Schüler nach einer 3rd grade Rechenaufgabe mit einem 5th grade Leseauftrag. Jeder lernte also in seinem individuellen Tempo und von den Fächern unabhängig. Langsame Kinder konnten sich so die benötigte Zeit nehmen, ohne die anderen zu "bremsen" oder selbst auf der Strecke zu bleiben, hochbegabte konnten entsprechend schneller die Lernziele erreichen. (Vgl. [16] S. 40f)

Eng verknüpft mit den "common essentials" und ein wichtiger Bestandteil des Winnetka-Plans sind die Diagnose-Tests. Nach jeder bearbeiteten Aufgabe nimmt sich der Schüler den dazugehörigen Diagnose-Test und überprüft sein Lernergebnis. Treten dabei Fehler auf, bearbeitet das Kind einen speziell für diesen Fehler entwickelten Übungs-auftrag und anschließend einen weiteren Diagnose-Test. Dies macht er so lange, bis keine Fehler mehr auftreten und der Schüler den Lerninhalt beherrscht. Dann wird das Erreichen des Lernziels auf der "goal card" eingetragen und der Schüler kann sich dem nächsten Arbeitsauftrag zuwenden. (Vgl. [16], S. 40f)

Die "common essentials" forderten von den Schülern eine selbsttätige Auseinandersetzung mit den Aufgabenstellungen (assignments). Diese wurden immer in Einzelarbeit bewältigt. Der Lehrer tritt während dieser Phase als Berater und Anreger zurück. Ziel der "common essentials" war die Erwerbung von Fähigkeiten und Fertigkeiten. Hierfür wurde die Hälfte eines Schultags verwendet. (Vgl. [G] und [16] S. 42)

Der Rest des Schultags stand für die Entwicklung sozialer Fähigkeiten und sozialen Bewusstseins zur Verfügung. Dieses Ziel wurde mit den "group and creative activities" verfolgt. Washburne betont, dass diese beiden Bereiche ("common essentials" und "group and creative activities") zusammen gehören und sich gegenseitig ergänzen. Dennoch hält er sie auch eindeutig auseinander und begegnet der Kritik Kilpatricks, man sollte die "basic skills" ("Basic skills" entsprechen den "common essentials", sind also grundlegende Fähigkeiten, die jeder benötigt.) im Rahmen der "group and creative activities" vermitteln, entschieden. Er begründete dies mit dem Argument, dass seiner Ansicht nach die Ergebnisse auf diese Weise zu unsicher seien und die Kreativität und Spontanität der "group and creative activities" dadurch verloren gingen. (Vgl. [G] und [16] S. 42)

Die "group and creative activities" sollten, wie schon erwähnt, soziale Fähigkeiten fördern. Eine Förderung kreativer Gruppenaktivitäten wurde durch verschiedene Angebote realisiert: z.B. durch Kunst, Musik, Diskussion aktueller Ereignisse, Schüler-Selbst-Verwaltung und Ausflüge ("field trips"). Durch das Zulassen von Kreativität entwickelten die Schüler ein Gefühl der Dazugehörigkeit und Gruppenidentität, soziale Verantwortung und eine verbesserte Problemlösefähigkeit. Die Schüler wurden dabei jederzeit ermutigt, ihre eigenen Interessen zu entwickeln.

Im Rahmen der "group and creative activities" wurden auch verschiedene Schülerausschüsse gebildet, die durch die Arbeit in diesen auch Kenntnisse z.B. in den Bereichen Dienstleistung und Wirtschaft erlangten. Ein Beispiel für einen solchen Ausschuss bildet das Züchten von Bienen und der anschließende Verkauf des Honigs, oder auch ein Schüler-Kreditinstitut. Diese Ausschüsse standen unter dem Motto "to serve is to achieve" (Indem man einer Sache dient, erlangt man auch Wissen und Fähigkeiten).

Unter der Aufsicht von Washburne wurde die Selbstverwaltung der Junior High School so weit entwickelt, dass sie als "Skokie miniature community" bekannt wurde. Hier ahmten die Schüler in kleinerem Maßstab die Institutionen einer großen Gesellschaft nach. Beispielsweise gab es an der Schule eine Kreditanstalt, die Kindern aushalf, die ihr Essensgeld zu Hause vergessen hatten, oder eine Versicherung, die der Cafeteria zerbrochenes Geschirr ersetzte. (Vgl. [16] S. 43)

Washburne führte neben den Formen der Mitverantwortung und Mitbestimmung und der oben beschriebenen Umstrukturierung des Unterrichts noch eine Reihe weiterer Dinge ein: Arbeits- und Textbücher mit der Möglichkeit der Selbstkontrolle, Tische und Stühle, die der Größe der Kinder entsprachen, Projektecken im Klassenzimmer sowie die Möglichkeit für alle Kinder (auch die kleineren), ohne Hilfe die "drinking fountain" zu erreichen. (Vgl. [G])

Die Winnetka-Schulen wurden außerdem auch von behinderten Kindern besucht, was neben den "group and creative activities" das soziale Lernen zusätzlich unterstützte. Eine Integration fand in nahezu allen Bereichen statt, mit der Ausnahme, dass taube Kinder ihren eigenen Lehrer in den "common essentials" hatten. Aber auch sie nahmen an den "group and creative activities" teil. (Vgl. [16] S. 44f)

Die Erziehungsphilosophie der Winnetka-Schulen soll kurz in einem abschließenden Satz festgehalten werden: Jedes Kind hat das Recht auf die größtmögliche Entfaltung sowohl als Individuum, als auch als integraler Teil der Menschheit. (Vgl. [5] S. 81 und [8] S. 27)